Hilfsmittel und HomeCare im Interesse der Patienten

Überwindung von Problemen bei der Versorgung mit Hilfsmitteln 

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Angaben von Patienten geben einen wichtigen Einblick in den Prozess der Hilfsmittel und HomeCare- Versorgung (Arzt-Sanitätshaus-Krankenkasse). Die Sicht des Patienten liefert einzigartige Informationen, da die Versorgung mit Hilfsmitteln und HomeCare-Leistungen als Prozess zu verstehen ist, der sich nicht auf die Verordnung und die Abgabe eines Fertigprodukts (Kauf einer Handelsware) reduzieren lässt.

Patienten haben einen Einblick in den gesamten Versorgungsprozess und gewinnen somit einen umfassenden Gesamteindruck. Grundlage für die Online Patientenbefragung bildet die Veröffentlichung der Deutschen Vereinigung für Rehabilitation e.V. (DVfR) zur Überwindung von Problemen bei der Versorgung mit Hilfsmitteln aus dem Jahr 2009. 

Das automatisierte und elektronische Befragungssystem für die Hilfsmittel- und HomeCare-Versorgung in Deutschland richtet sich ausschließlich an Patienten, um die Hilfsmittel- oder HomeCare-Versorgung grundsätzlich lebenswelt- und sozialraumbezogen beurteilen zu können (Verhaltenskodex).

Übersicht der Lösungsoptionen der Deutschen Vereinigung für Rehabilitation (Auszüge)

Prozess    Probleme    Patienten mit besonderem Bedarf    Teamarbeit    Sozialraumorientierung

Bedarfsermittlung     Assessment     ärztliche Verordnung     Optimierung bei den Krankenkassen

Sicherung der Ergebnisqualität       Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen


Die Versorgung mit Hilfsmitteln als Prozess
Die Versorgung mit Hilfsmitteln ist als Prozess zu verstehen, der sich nicht auf die Verordnung und die Abgabe eines Fertigprodukts (Kauf einer Handelsware) reduzieren lässt. 

Eine gute Qualität des mehr oder weniger aufwändigen Hilfsmittelversorgungsprozesses ist nur dann erreicht, wenn insbesondere folgende Ziele im Versorgungsprozess erreicht werden: 

Der Bedarf wurde unter Berücksichtigung der spezifischen Kontextfaktoren exakt erfasst.

  • Die Ziele der Versorgung konnten, ggf. unter Abwägung sich widersprechender Zielsetzungen, präzise und umfassend definiert werden. 
  • Die Ziele im Hinblick auf Aktivitäten und Teilhabe konnten bedarfs- und zeit-gerecht sowie nachhaltig erreicht werden. Unerwünschte Wirkungen konnten vermieden oder zumindest gering gehalten werden. 
  • Versicherte können das Hilfsmittel im Alltag nutzen. 
  • Auch das Ziel der Sicherung des Erfolges der Behandlung konnte erreicht werden.
  • Der Nutzer ist mit der Hilfsmittelversorgung zufrieden, und dies drückt sich in der Bereitschaft aus, das Hilfsmittel im Alltag zu gebrauchen. Diese (nachweisbare) Zufriedenheit ist der entscheidende Beleg für die Zielerreichung des Hilfsmittelversorgungsprozesses im Hinblick auf die Aktivitäten und Teilhabe. Ein nachhaltiger Therapieerfolg ist ggf. an anderen Erfolgskriterien zu messen.

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Problem-, Ziel-, Lösungs- und Personenzentrierung der Hilfsmittelversorgung
Bislang wurde die Verordnungs- und Genehmigungspraxis vorrangig auf das Hilfsmittel und zu wenig auf die Erreichung der Ziele und die Sicherung der Prozess- und Ergebnisqualität ausgerichtet. Damit ist die Gefahr verbunden, dass sich die Versorgung zu stark an den technischen Eigenschaften des Hilfsmittels oder an dessen Preis orientiert statt an den Zielen, die durch den Hilfsmitteleinsatz (und auch andere Maßnahmen) erreicht werden sollen. 

Dabei soll die Hilfsmittelversorgung nicht isoliert erfolgen; sie ist immer als Bestandteil eines Gesamtprozesses zur Beseitigung von Beeinträchtigungen von Aktivitäten und Teilhabe oder zur Behandlung von Krankheiten zu betrachten. 

Die Art der Hilfsmittelversorgung richtet sich nach dem formulierten Ziel. 

Hilfsmittel zur Sicherung der ärztlichen Behandlung und zur Vorbeugung einer drohenden Behinderung haben primär das Ziel, einen therapeutischen Behandlungsplan umzusetzen oder zu unterstützen (z. B. eine postoperativ stellungssichernde Orthese).

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Personengruppen mit besonderem Bedarf  
Bei der Hilfsmittelversorgung ist zu berücksichtigen, dass einige Personengruppen besondere Bedarfe haben: Bei der Hilfsmittelversorgung für Kinder sind besondere Qualitätsanforderungen an den Prozess, die Struktur und die Ergebniskontrolle der Hilfsmittelversorgung zu stellen. 

Es sollte geprüft werden, ob beteiligte Therapeuten und Ärzte mit entsprechender Qualifikation oder durch ihre Tätigkeit in SPZ, Frühfördereinrichtungen, Eingliederungshilfeeinrichtungen etc. als besonders qualifizierte Leistungserbringer gelten können, und ob die durch sie erarbeiteten Versorgungskonzepte bei der Genehmigung durch den Kostenträger anders behandelt werden können als solche von nicht spezialisierten Verordnern bzw. Leistungserbringern, um Leistungsentscheidungen zu beschleunigen.

Dies erscheint notwendig, da bei Kindern auf Grund ihres Wachstums und ihrer Entwicklung oft eine rasche Versorgung erforderlich ist und Verzögerungen zu funktionellen Einbußen führen können. Auch müssen mögliche unerwünschte Wirkungen auf Strukturen und Funktionen immer beachtet werden.

Bei Menschen aller Altersgruppen, die unter progredienten Erkrankungen leiden, sollte die Versorgung mit Hilfsmitteln den zu erwartenden Krankheitsverlauf berücksichtigen. So können nachträgliche Anpassungen oder Umversorgungen vermieden werden und die Situation der Betroffenen kann nachhaltig verbessert werden. 

Teilhabe steht auch hier im Vordergrund, denn Untersuchungen zeigen, dass bei progredienten Behinderungen durch angemessene Versorgung und auch durch Hilfsmitteleinsatz eine verbesserte Lebensqualität und Teilhabe erreichbar sind und körperliches und seelisches Leiden vermieden werden kann. Die Nutzung noch vorhandener Funktionen und Aktivitäten sollte jedoch durch eine Hilfsmittelversorgung nicht beeinträchtigt werden. 

Bei der Versorgung von Personen mit dauerhafter Behinderung ist die Anwendung von Hilfsmitteln ein wesentliches Element zur Erreichung von Teilhabe. Informationen zu Art und Umfang der Behinderung dieser Personen sind vorhanden und allen am Versorgungsprozess Beteiligten zugänglich, so dass auf dieser Grundlage die Versorgungsentscheidungen rasch und fundiert, gegebenenfalls unter Rückgriff auf vorhandene Unterlagen, getroffen werden können. 

Bei der Hilfsmittelversorgung älterer Menschen sind Erkenntnisse aus der Geriatrie zu berücksichtigen: Neben der unmittelbaren Problembewältigung sind die geriatrischen Syndrome wie verringerte Reaktionsfähigkeit, Beeinträchtigungen der Sinnesorgane und verminderte Belastbarkeit sowie Sturzgefahr zu berücksichtigen. Auch sind die besonderen Bedürfnisse im Alter zu beachten, ohne vorschnell Defizite und Inkompetenz z. B. auf Grund einer Demenz zu unterstellen.

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Kooperation und Teamarbeit in der Hilfsmittelversorgung  
In vielen Fällen können weder Arzt, Patient noch Hilfsmittelleistungserbringer die Beeinträchtigungen und ihre Beeinflussbarkeit sowie die möglichen Problemlösungen allein erkennen. Deshalb ist bei der Hilfsmittelversorgung häufig Teamarbeit notwendig. 

Bei Behinderungen ist zumeist auch die Kompetenz der therapeutischen bzw. pflegerischen Fachdisziplinen, oft auch von spezialisierten Fachkräften erforderlich (z. B. bei Kommunikationshilfsmitteln). Sowohl die Bedarfsermittlung als auch die bedarfsgerechte Gestaltung des Hilfsmittelversorgungsprozesses sollte deshalb in Kooperation der beteiligten Fachleute erfolgen. 

Für die optimale Prozessgestaltung der Hilfsmittelversorgung ist eine multi- oder interdisziplinäre Teamarbeit unabdingbar.

In der Hilfsmittelversorgung gibt es solche Teamarbeit nicht nur innerhalb von Einrichtungen, sondern in manchen Fällen auch im Rahmen der vertragsärztlichen Tätigkeit. 

Die Teamarbeit kann in Form kurzer Konsultationen oder auch ausführlicher Teambesprechungen organisiert werden, denn in manchen Fällen ist es erforderlich, dass das Hilfsmittelversorgungs-Team den Patienten, seine Lebenssituation und seine Bezugspersonen gut kennt, um die richtige Empfehlung bzw. Entscheidung über einen Hilfsmitteleinsatz treffen zu können. 

Damit diese Teamarbeit optimal wirksam werden kann, bedarf es einer intensiven Zusammenarbeit zwischen verordnendem Arzt, Therapeuten, Hilfsmittelleistungserbringer und weiteren Fachkräften.

Teamarbeit ermöglicht die bedarfsgerecht Zielerreichung der Hilfsmittelversorgung unter Beachtung des Wirtschaftlichkeitsgebotes.

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Sozialraumorientierung in der Hilfsmittelversorgung
Orte einer qualifizierten Hilfsmittelversorgung müssen für Menschen mit Behinderung mit vertretbarem Aufwand zu erreichen sein, d. h. Fahrzeiten von 60 Min. sollten möglichst nicht überschritten werden. So können bei Bedarf auch Hausbesuche durch Leistungserbringer und Leistungsträger effektiv und kostengünstig durchgeführt werden. 

Deshalb sollte die Hilfsmittelversorgung grundsätzlich lebenswelt- und sozialraumbezogen organisiert werden. Dies kann auch die Bildung von regionalen Netzwerken erforderlich machen. 

Unter Sozialraum wird in diesem Zusammenhang der Lebensraum der Menschen mit seinen verschiedenen Bestandteilen verstanden. Als Sozialräume können definiert werden: der private Bereich (indoor), die Nachbarschaft (Nahbereich), der kommunale bzw. regionale Raum, der überregionale Raum und der nationale, sowie auch der internationale Raum. 

Sozialraumorientierung bedeutet nicht, wie oft unterstellt wird, die Definition nur eines Raumes als Bezugsregion, z. B. das Wohnquartier, das Dorf oder den Stadtteil als die unmittelbar „wohnortnahe“ Region, sondern impliziert vielmehr eine Differenzierung verschiedener Regionen nach Kompetenz und Versorgungsauftrag und sinnvoller Versorgungsstruktur. Auch gewachsene Bezüge z. B. zu regionalen Dienstleistungszentren sind zu berücksichtigen. 

Nicht jede Dienstleistung muss überall angeboten werden – manche Hilfsmittelversorgung kann in Zentren erfolgen, die nur einige Kilometer entfernt liegen, eine andere mit besonderen fachlichen Ansprüchen sollte in Kompetenzzentren erfolgen, die möglicherweise einen weiteren Anfahrtsweg erfordern. 

Als Kriterium der Gestaltung von Sozialräumen spielen insbesondere die Ansprüche, Fähigkeit und Möglichkeit der Menschen in Bezug auf ihre Mobilität eine große Rolle, d. h. auch das Vorhandensein von Ressourcen (PKW, ÖPNV, Assistenz) und das Fehlen von Barrieren. 

Die regionalen Besonderheiten im Umfeld des Patienten stellen im Sinne der ICF Kontextfaktoren dar und sind oft für die Auswahl und die Nutzung des Hilfsmittels von Bedeutung; sie sollten daher dem Hilfsmittelleistungserbringer bekannt sein. Dazu gehören z. B. die Verkehrsinfrastruktur mit Beförderungsmöglichkeiten und -ressourcen des Landkreises, die topographischen Gegebenheiten (Hügel und Berge etc.), Anbindung an Einkaufsmöglichkeiten sowie die sozialen Inklusionsmöglichkeiten.

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Die Bedarfsermittlung für die individuelle Hilfsmittelversorgung erfolgt Leitlinien- und ICF-orientiert !
Für die Ermittlung des Bedarfes sollte die Konzeption der ICF Anwendung finden, insbesondere dann, wenn ein Hilfsmittel der Verbesserung von Funktionen, Aktivitäten und Teilhabe dient. Es ist weniger von Belang, wenn es der Unterstützung eines Behandlungsplanes und somit vorwiegend therapeutischen Zwecken dient; jedoch sollten die (Neben) Wirkungen und Kontextfaktoren des Hilfsmitteleinsatzes immer beachtet werden. 

Die Versorgung mit Hilfsmitteln sollte möglichst auf der Grundlage von Leitlinien erfolgen.

Leitlinien sollten sowohl für Krankheits-/ Behinderungsbilder, für die daraus abgeleiteten Indikationen und für die einzelnen Hilfsmittel, als auch für den zielorientierten Versorgungsprozess erarbeitet werden. Solche Empfehlungen sollten vorwiegend auf die hilfsmittelunterstützte Ermöglichung relevanter Aktivitäten und der Teilhabe zielen. 

Da Empfehlungen zur Hilfsmittelversorgung zurzeit kaum vorhanden sind oder aber nicht als solche kommuniziert werden, kommt der Erarbeitung, Kommunikation und Verbreitung von Empfehlungen eine große Bedeutung zu. Auch die Erläuterungen zu Hilfsmitteln im Hilfsmittelverzeichnis haben den Charakter richtungsweisenden Empfehlungen.

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Ein Assessment ist Grundlage der Hilfsmittelversorgung !
Ein Assessment ist erforderlich für die Fälle, in denen sich aus der Diagnose oder der Problemdefinition durch den Patienten und den Arzt bei einer einfachen Konsultation nicht eindeutig Art und Umfang der Hilfsmittelversorgung bestimmen lässt. 

Bei komplexen Problemstellungen sowie bei arbeits- und kostenaufwändiger Hilfsmittelversorgung sollte ein Assessment regelhaft durchgeführt werden, um den Bedarf im Einzelfall zu ermitteln. Ferner ist ein Assessment dann erforderlich, wenn sich der Nutzen eines Hilfsmittels erst bei Vorliegen bestimmter, gegebenenfalls noch zu modifizierender Kontextfaktoren erweisen kann, die sich u. U. nur im Rahmen eines umfassenden Rehabilitationsprozesses realisieren lassen.

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Die ärztlichen Verordnung wird im Rahmen eines bedarfsgerechten Versorgungsprozesses optimiert !
Für einen störungsfreien, effizienten und bedarfsgerechten Versorgungsprozess ist es wichtig, die Aufgaben und Befugnisse aller beteiligten Akteure verbindlich abzusprechen, damit Handlungssicherheit für alle Beteiligten besteht. Dies kann unnötige Nachfragen, Doppelarbeit (z. B. Wiedervorstellung des Patienten) und damit verbundene Verzögerungen vermeiden. 

Bedarf und Anforderungen an ein Hilfsmittel sowie die Anforderungen an die Prozessgestaltung sind auf der Grundlage der verschiedenen Informationen abzuleiten, die aus der laufenden ärztlichen Behandlung, der durchgeführten Diagnostik oder dem Assessment vorliegen. Dabei ist die Versorgung mit einem Hilfsmittel in ein Behandlungs- und/oder Teilhabekonzept einzuordnen. 

Die DVfR schlägt vor, folgende Stufen der Verordnung zu unterscheiden: 

  1. einfache Verordnung 
  2. Verordnung mit kurzer Begründung 
  3. Verordnung mit Versorgungskonzeption 
  4. Spezielle Verordnung mit besonderen Vereinbarungen (z. B. Kommunikationshilfsmittel, mikroprozessorgesteuerte Prothesen etc.)

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Optimierung der Entscheidungsprozesse der Leistungsträger einschließlich der Begutachtung.
Für eine qualitätsorientierte Antragsbearbeitung durch die Krankenkasse sollten folgende Kriterien gelten:

nicht primär hilfsmittel-, sondern problemlösungsorientiert
Die Krankenkasse analysiert die Hilfsmittelverordnung im Hinblick auf das zu lösende Problem. Ein solcher problemlösungsorientierter Ansatz bedeutet, dass nicht die Entscheidung für oder gegen ein Hilfsmittel, sondern die Lösung des Problems im Vordergrund steht.

zeitnah 
Der Informationsfluss und der Bearbeitungsprozess sollten der Dringlichkeit angepasst sein. Alle Maßnahmen wie Rückfragen, Begutachtungen etc. sollten daraufhin überprüft werden, wie unnötige Verzögerungen vermieden werden können. Probleme sollten schnell und unbürokratisch gelöst werden. Der Bearbeitungsprozess sollte auf eine zügige Entscheidungsfindung ausgerichtet sein. In manchen Fällen muss die Dringlichkeit der Versorgung kommuniziert werden (z. B. kann eine wachstumsbedingte Anpassung einer Sitzschale dringlich sein oder aber durchaus noch etwas hinausgeschoben werden). Die Krankenkasse sollte bei der Beurteilung der Versorgungskonzeption, der weiteren Gestaltung des Prüfungsprozesses und der Leistungsentscheidung im Sinne einer wirtschaftlichen Verfahrensgestaltung den Kompetenzgrad der verordnenden Stelle berücksichtigen. Insbesondere muss verhindert werden, dass eine langwierige Prüfung und damit eine Verzögerung der Versorgung negative Wirkungen für den Patienten im Hinblick auf die Grunderkrankung hat. So können Komplikationen auftreten, z. B. bei der Ernährung, Dekubitus, Beeinträchtigung wichtiger Funktionen wie Gehen oder Stehen sowie auch erhebliche Einschränkungen der Teilhabe, wie z. B. Bettlägerigkeit, Fernbleiben vom Schulbesuch oder von der Arbeit. 

dialogorientiert 
Die Krankenkasse sollte den Meinungsaustausch zwischen den Beteiligten suchen und eine Klärung im Gespräch anstreben. Der bloße Austausch von Informationen und Positionen ohne Ergebnisfindung/Einigung über den Sachverhalt ist oft nicht zielführend. Der Zielkonflikt zwischen rascher Versorgung und ausführlicher Prüfung der Wirtschaftlichkeit darf nicht zu Lasten des Patienten ausgetragen werden. Entscheidungen müssen rasch, unbürokratisch und ggf. auch als Kompromiss konsensorientiert getroffen werden. Alle Beteiligten haben sich an der zeitnahen Bearbeitung im Dialog zu beteiligen. 

rationell  
Die Antragsbearbeitung durch die Krankenkasse sollte für alle Beteiligten rationell sein, d. h. es sollten alle Maßnahmen unterlassen werden, die nicht wirklich notwendig sind, z. B. Rückfragen zu Krankheitsbildern, die aus Vorbegutachtungen bekannt sind, Anfordern zusätzlicher Standardfragebögen trotz vorgelegter ausführlicher Information etc. Insbesondere ist zu berücksichtigen, dass viele Rückfragen an den Leistungserbringer oder den Arzt von diesem nur nach erneuter Untersuchung/Kontaktaufnahme mit dem Patienten zu beantworten sind. Auf zusätzliche Erhebungen sollte verzichtet werden, wenn Profilerhebungsbögen (oder auch Assessmentinstrumente) beigefügt wurden, die den Bedarf beschreiben und einen Lösungsvorschlag enthalten.

fachlich kompetent 
Der Krankenkassenmitarbeiter sollte über eine angemessene fachliche Qualifikation und Erfahrung verfügen. Dies schließt medizinische, rehabilitative, technische sowie leistungsrechtliche Kenntnisse ein. Die Bestimmungen des Hilfsmittelverzeichnisses sowie vorhandene Leitlinien der Fachgesellschaften sollten berücksichtigt werden. Fachliche Kompetenz der Mitarbeiter spart Rückfragen und fördert die Wirtschaftlichkeit nicht zuletzt durch eine angemessene Qualitätskontrolle. Der Mitarbeiter muss auch gegenüber dem verordnenden Arzt und dem Leistungserbringer ein kompetenter Gesprächspartner sein können. 

transparent 
Das Entscheidungsverfahren sollte transparent gemacht werden, sowohl für den Patienten als auch für den verordnenden Arzt und die Leistungserbringer. Entscheidungen sollten so begründet sein, dass die Gründe nachvollziehbar und gegebenenfalls überprüfbar sind.

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Sicherung und Verbesserung der Ergebnisqualität der Hilfsmittelversorgung
Für die Sicherung der Ergebnisqualität im Einzelfall sollte nach Abschluss der Versorgung in der Regel eine Ergebnisüberprüfung durch den verordnenden bzw. behandelnden Arzt erfolgen. Diese erstreckt sich auf die Zielerreichung im Hinblick auf die Behandlung, die Funktionen, die Aktivitäten und die Teilhabe. Der Arzt kann die Prüfung an andere Beteiligte, die in der Versorgungskonzeption benannt sind, delegieren. 

Bei Unklarheiten, offenen Fragen oder strittigen Einschätzungen ist der Arzt einzuschalten. 

Die Prüfung der Zielerreichung durch Abgleich mit der Bedarfserhebung gilt als Verpflichtung für den Patienten, den Leistungserbringer oder die therapeutischen Fachkräfte stets dann, wenn das Hilfsmittel nicht oder nicht wie vorgesehen genutzt werden kann. 

Der Arzt legt das weitere Vorgehen fest. 

Alle am Versorgungsprozess Beteiligten sind verpflichtet, Probleme und mangelnde Bedarfsgerechtigkeit der Hilfsmittelversorgung dem Patienten, dem Leistungserbringer und dem Arzt mitzuteilen und sich an der Beseitigung der Mängel zu beteiligen. 

Dies sollte Bestandteil der Leistungsvereinbarungen sein, insbesondere auch in der Pflege. 

Zur Mängelbeseitigung kann aus medizinischen Gründen ein Krankentransport für den Betroffenen zum behandelnden Arzt mit samt dem Hilfsmittel erforderlich sein. Der Leistungserbringer hat auf Wunsch des Arztes seine Anwesenheit in der Praxis /am Arbeitsort zu ermöglichen. Nach angemessener Frist sollen der Patient, seine Bezugspersonen oder seine ihn betreuenden Pflegefachkräfte oder der Leistungserbringer dem Arzt von sich aus mitteilen, ob die Ziele der Hilfsmittelversorgung erreicht sind. 

Der Arzt hat die Rückäußerung zu dokumentieren.

Zur Überprüfung des Ergebnisses der Hilfsmittelverordnung kann der Leistungsträger Stichprobenprüfungen durchführen. 

Kann der Leistungserbringer innerhalb einer vom Arzt festzusetzenden Frist das Hilfsmittel nicht bedarfsgerecht liefern, hat der Patient den Leistungsträger davon zu informieren. Dieser klärt den Sachverhalt mit dem Leistungserbringer, gegebenenfalls unter Einbezug des MDK und des verordnenden Arztes.

Leistungsträger und Leistungserbringer sollten Vereinbarungen darüber treffen, an welche Voraussetzungen die vollständige Begleichung der Rechnung gebunden werden soll und wann gegebenenfalls Teilzahlungen vorzusehen sind. 

Dies kann bei bestimmten aufwändigen Hilfsmitteln an die Zielerreichung gebunden werden, soweit nicht patienten- oder bezugspersonenseitige Faktoren, die bei der Erstellung der Versorgungskonzeption nicht absehbar waren, dem entgegenstehen. 

Im Zweifelsfall kann ein Votum des behandelnden Arztes eingeholt werden.

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Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen für die Hilfsmittelversorgung.
Eine Optimierung der Hilfsmittelversorgung kann nur gelingen, wenn die gesetzlichen und konzeptionellen Grundlagen sowie die Rahmenbedingungen angemessen gestaltet sind. 

Hierzu macht die DVfR folgende Vorschläge: 

  1. Klärung des Verhältnisses zwischen SGB V und IX im Hinblick auf Leistungsinhalte und Verfahrensfragen
  2. Klärung der Finanzierung von im SGB V ausgeschlossenen Leistungen im Rahmen von SGB II und SGB XII (z. B. Sehhilfen) 
  3. Überarbeitung der Hilfsmittelrichtlinien im Sinne der vorstehenden Ausführungen 
  4. Berücksichtigung der Hilfsmittelversorgung in den Ausbildungs- und Weiterbildungsordnungen aller medizinischen Fachberufe 
  5. Unterstützung der Hilfsmittelversorgung durch Nutzung elektronischer Medien, u. a. in der EDV von Arztpraxen 
  6. Einführung eines Qualitätsmanagements im Bereich der Hilfsmittelversorgung bei allen Beteiligten.

Die DVfR ruft alle Interessierten und Beteiligten dazu auf, sich an der Diskussion über die künftige Gestaltung der Hilfsmittelversorgung zu beteiligen. Sie stellt gern ihre Möglichkeiten in den Dienst der Weiterentwicklung der Hilfsmittelversorgung. Dabei insistiert sie darauf, dass die Hilfsmittelversorgung immer an den Bedarfen kranker und behinderter Menschen, an der Ermöglichung von Aktivitäten und Teilhabe und damit an der Inklusion ausgerichtet wird. 

Die DVfR appelliert an alle an der Hilfsmittelversorgung Beteiligten, die in diesem Papier zusammengetragenen Fakten und Vorschläge zur Verbesserung der Hilfsmittelversorgung intensiv zu nutzen. 

Der befasste Ausschuss der DVfR ist gern bereit, die Ergebnisse im Detail und zielgruppenspezifisch zu erläutern und zu diskutieren. An alle beteiligten und verantwortlichen Institutionen und Verbände ergeht außerdem die Bitte, die in diesem Papier zusammengetragenen Vorschläge zu kommentieren und gegebenenfalls kritische Rückmeldungen an die DVfR zu geben. Informationen über Weiterentwicklungen und Fortschritte, auch in Teilbereichen, oder über Erprobungen zu neuen Hilfsmittelversorgungsmodellen, sind erwünscht.

 Über diese Entwicklungen soll in geeigneter Form, u. a. über die Homepage der DVfR, berichtet werden.

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Quelle: Deutsche Vereinigung für Rehabilitation e.V. (DVfR), Überwindung von Problemen bei der Versorgung mit Hilfsmitteln – Lösungsoptionen der DVfR –; Heidelberg: Oktober 2009.

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